Bischof em. Dr. Karl-Heinz Wiesemann feierte im Speyerer Dom seinen Abschied vom Bistum.

Speyer. „Wenn ich in Ihre vielen Gesichter schaue, dann wird’s mir auch schon ein wenig wehmütig ums Herz. 18 Jahre lang durfte ich hier für Sie Bischof sein, mit Ihnen Christ in dieser Welt“ – mit diesen Worten begrüßte Bischof em. Dr. Karl-Heinz Wiesemann die rund 1.200 Gläubigen, die am Sonntag zu seinem Abschiedsgottesdienst in den vollbesetzten Speyerer Dom gekommen waren. Unter ihnen waren neben den Priestern aus dem Bistum auch zahlreiche Bischöfe aus ganz Deutschland, an der Spitze der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Wilmer.
Die musikalische Gestaltung übernahmen der KathedralJugendChor, der Domchor und die Dombläser, unter der Leitung von Domkapellmeister Markus Melchiori und Domkantor Joachim Weller. Die Orgel spielte Domorganist Bastian Fuchs.

„Eine Erfahrung von abgründiger Ohnmacht und beschämender Entmachtung“

Seine Predigt verknüpfte Wiesemann mit dem Fest Mariä Geburt, das vor wenigen Tagen begangen wurde, und das auch eng mit seiner persönlichen Biografie verbunden ist: „Vor 24 Jahren wurde ich an diesem Fest im Paderborner Dom, meinem Heimatdom, zum Bischof geweiht.“ Auch für den Speyerer Dom, der Maria geweiht ist, habe das Fest eine große Bedeutung. Es wolle „bis in die biographischen Wurzeln, in den Stammbaum zurückverfolgen, dass Gott Geschichte selbst nach tiefstem Versagen und größter Schuld ein für alle Mal neu öffnet“, so der Bischof em. Gerade in Zeiten großer Verunsicherung sei die Versuchung groß, „sich durch Glorifizierung der Vergangenheit immun zu machen gegen die Zumutungen der Gegenwart“. Während seiner krankheitsbedingten Auszeit vor fünf Jahren habe er, so Wiesemann, mühsam und gleichermaßen heilsam gelernt, wie selbstzerstörerisch sich solch ein Panzer rückwärtsgewandter Lebensfixierung auswirken könne. „So bin ich schon allein durch die unausweichliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben gegen den tödlichen Virus des universalen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus unserer heutigen Tage geimpft worden.“

Einen großen Teil seiner Speyerer Amtszeit begleitete Bischof em. Wiesemann die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs – unvergesslich seien die Gespräche mit Betroffenen, führte er in seiner Predigt weiter aus. „Der Einblick in diesen Raum schambehafteter Verwundung, der mir gewährt wurde, war für mich eine Erfahrung von abgründiger Ohnmacht und beschämender Entmachtung, die nicht nur die amtliche, sondern auch die ganze menschliche Dimension vollständig einbezog. Und gleichzeitig waren diese Gespräche für mich die größten und kostbarsten Lehrstunden über das, was Seelsorge und Hirtendienst bedeuten – und wozu es Kirche gerade in unserer Zeit so notwendig braucht.“

Appell an die Gläubigen

In seiner Predigt wandte sich Bischof em. Wiesemann auch direkt an die Gläubigen: „Sie haben es mir immer leicht gemacht – mit Ihrem auch kritischen Mitgehen, mit Ihrem Wohlwollen, Ihrer Leidenschaft, Ihrem Engagement und nicht zuletzt mit Ihrer sympathischen (saar-)pfälzer Geselligkeit, Gelassenheit und Zuversicht.“ Ihn habe immer wieder beeindruckt, mit welcher leidenschaftlichen Kraft und innerem Wille in der Diözese trotz aller Differenzen miteinander gegangen wurde, „weil es nicht um die eigene Befindlichkeit, sondern unseren gemeinsamen, uns vom Herrn selbst anvertrauten Auftrag für die Kirche in unserer Zeit geht. Das ist dann auch mein größter Wunsch für Sie für die Zukunft: Bewahren Sie sich dieses unschätzbar hohe Gut, das alles andere als selbstverständlich ist – auch nicht in der Kirche.“ Insbesondere mit Blick auf die „zunehmend aggressiven, spalterischen Kräfte, die das Gemeinsame unseres gesellschaftlichen und staatlichen Miteinanders, die Grundüberzeugungen unserer Demokratie und Rechtstaatlichkeit unterlaufen und zerstören wollen“, sei dies umso wichtiger. Wiesemann führte weiter aus: „Deshalb lag mir auch die Ökumene immer am Herzen, weil die Versuchung, jetzt in einer Zeit schwieriger Umbrüche nur auf sich selbst zu schauen, natürlich besonders groß ist, uns aber deswegen gerade in unserer entscheidenden Sendung für unsere Zeit versagen ließe.“

Den Menschen zugewandt

Vertreterinnen und Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz, des Bistums, der evangelischen Landeskirche, der Länder Rheinland-Pfalz und Saarland sowie der Stadt Speyer hoben in ihren Grußworten immer wieder die menschliche Seite des emeritierten Bischofs hervor:

„Dich habe ich immer als einen erlebt, der das Gute will, der sich aufrichtig um die Menschen sorgt und dem jede Heuchelei, Scheinheiligkeit und Eitelkeit vollkommen wesensfremd ist“,

betonte zum Beispiel die evangelische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst.

„Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft Deines Wirkens: dass bei Dir Person, Glaube und Amt nicht auseinanderfielen, sondern spürbar einander getragen haben. Menschen nehmen nicht nur wahr, was einer tut, sondern wofür er steht. Und es ist ihnen wichtig, dass beides für sie zusammenpasst. Bei Dir war diese Übereinstimmung spürbar.“ Sie sei in den vergangenen Wochen häufig auf Wiesemanns Rücktritt angesprochen worden: „Und auffällig oft ging es dabei eben nicht zuerst um einzelne Projekte, Entscheidungen oder Ereignisse aus 18 Jahren Bischofszeit. Es ging um Dich: um Deine Zugewandtheit zu den Menschen, um Deine Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit, um Dein Engagement für die Ökumene, für eine zukunftsfähige Kirche und für eine Kirche, die sich ihrer Verantwortung in der Welt bewusst bleibt.“

Mit Mut für eine zukunftsfähige Kirche

Auch die Deutsche Bischofskonferenz habe Bischof Wiesemann viel zu verdanken, wie der Vorsitzende, Bischof Dr. Heiner Wilmer, ausführte: „Dein Humor und Deine Theologie werden uns fehlen. (…) Dein einfühlsamer Brief an die Gläubigen Deines Bistums und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist ein starkes Zeugnis eines Menschen, der zutiefst ein Gott-Suchender bleibt und um seine eigenen Grenzen weiß. Sicherlich spreche ich für viele hier, wenn ich sage, dass dieser Brief eine Wegmarke Deines Lebens ist, die Du in aller Offenheit und Verletzlichkeit mit uns geteilt hast.“ Die Bischofskonferenz verabschiede sich „von einem großartigen Hirten seiner Herde, von einem geschätzten Theologen, anerkannten Priester und Bischof und – das darf ich für uns Bischöfe sagen – auch einem treuen und engagierten Weggefährten.“

Den zunehmenden Glaubenszweifeln der Menschen sei Wiesemann mit seiner Begeisterung für die Sache Jesu entgegengetreten, betonten die Vorsitzenden der Diözesanversammlung im Bistum Speyer, Theo Wieder und Dr. Isabelle Faul. „Mit wegweisenden Predigten und Beiträgen haben Sie Ihre Aufgabe als Bischof darin gesehen, für die Gestaltung der Kirche Jesu Christi die Zeichen der Zeit zu erkennen und die Menschen Ihres Bistums immer wieder auf das Wesentliche hinzuweisen“, so Wieder. Dr. Faul ergänzte: „Mit großem Mut und tiefer innerer Überzeugung haben Sie sich für Veränderungen in der Kirche eingesetzt, gerade auch in einigen schon viel zu lange diskutierten Kernthemen, wie der Frage nach der Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern, der Aufhebung des Pflichtzölibats für Priester oder den Erwartungen der Menschen nach Modifikationen der kirchlichen Sexuallehre.“

„Verlässlich, aufrecht, menschlich“

„Sie haben unserem Land gutgetan“, fasste Jürgen Barke, der stellvertretende Ministerpräsident des Saarlands, zusammen. Die letzten 18 Jahre seien von Veränderungen geprägt gewesen, in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Welt – „in all diesen Jahren waren Sie da, verlässlich, aufrecht, menschlich.“ Kathrin Anklam-Trapp, Staatssekretärin der Landesregierung Rheinland-Pfalz, bezeichnete Wiesemann als einen „Bischof und Seelsorger, für den das Wohlergehen der Menschen immer an erster Stelle stand“. Er sei ein „ein aufrechter, mutiger und zutiefst glaubwürdiger Streiter. Ein Streiter für eine Kirche, die den Menschen zugewandt ist, die die Menschenfreundlichkeit Gottes spürbar macht und den Gläubigen gerade in Zeiten des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels Halt, Trost und Orientierung gibt.“

Dem schloss sich Stefanie Seiler, Oberbürgermeisterin der Stadt Speyer, stellvertretend für alle Bürgermeister und Landräte im Bistumsgebiet, an. Wiesemann habe sein Amt nie auf den kirchlichen Raum beschränkt verstanden: „Sie haben sich zu Fragen geäußert, die unsere gesamte Gesellschaft betreffen. Zu Menschenwürde und Demokratie, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, und zu der Frage, wie wir miteinander umgehen. Dabei haben Sie immer Haltung gezeigt. Sie haben sich öffentlich für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt.“ Sie habe den Bischof em. stets als jemanden erlebt, „der den Kontakt zu den Menschen sucht“. Jürgen Barke betonte: „Sie haben nie den bequemen Weg gewählt, Sie haben Position bezogen, gegen Populismus, gegen Hetze, aber sie haben auch Position bezogen für Menschenrechte und für Versöhnung.“

Kathrin Anklam-Trapp wandte sich in Ihrem Grußwort an den emeritierten Bischof: „Indem Sie die Gründe für Ihren Rücktritt transparent dargelegt haben, beweisen Sie nicht nur persönliche Stärke, sondern schenken auch vielen anderen Menschen Mut. Den Mut, selbst ehrlich und offen mit persönlichen Grenzen umzugehen. Das ist ein starkes Zeugnis menschlicher Nahbarkeit.“ Wiesemann sei über die vergangenen 18 Jahre zu jemand geworden, „der zu unserer Stadt dazu gehört“, betonte Stefanie Seiler. „Ich kann Ihnen versichern, Sie werden auf jeden Fall uns hier in Speyer fehlen.“

Weite leben

Diözesanadministrator Markus Magin schlug in seinen Abschiedsworten den Bogen zum 1000-jährigen Domjubiläum, das im Jahr 2030 unter dem Motto „Weite leben“ gefeiert wird. Dieses Motto passe nicht nur zum Speyerer Dom, „sondern genauso auch zu Ihnen als Mensch, wie auch zu der Art und Weise, wie Sie Ihren Dienst als Bischof von Speyer verstanden und gelebt haben“. Wie ein roter Faden ziehe sich das Thema durch seine Verkündigung: „Der Gott Jesu Christi ist keine enge und engstirnige Krämerseele, sondern der, der uns (…) in die Weite führt. Davon haben Sie unermüdlich hier im Dom, im ganzen Bistum und darüber hinaus gepredigt“, so Magin.

Wiesemann habe die Weite Gottes aber auch gelebt. „Im Ringen um die großen und kleinen Fragen nach der Zukunftsgestalt unserer Kirche haben Sie nicht nur viele Kirchenstrukturen hinterfragt, sondern immer auch, ja zuerst, sich selbst. So ist in Ihrem Denken und Handeln immer wieder eine neue Weite entstanden, die es ermöglicht hat, zu kirchen- und gesellschaftspolitischen Fragen offen und mutig Stellung zu nehmen. Dabei haben Sie nie polarisiert, sondern vielmehr unter Polarisierungen und Verengungen – egal aus welcher Richtung – gelitten. So konnten Sie so manche Brücke bauen, wo andere nur Gräben gesehen haben.“

Stellvertretend für das Bistum Speyer überreichte Diözesanadministrator Markus Magin ein Abschiedsgeschenk an Wiesemann: Im Jahr 2015 hatte der Bischof gemeinsam mit dem Künstler Thomas Jessen die bischöfliche Hauskapelle neugestaltet. „Im Zentrum dieser Kapelle fällt der Blick über dem Altar auf ein Kreuz, das der Künstler nach einem historischen Vorbild gemalt hat. Wir möchten Ihnen eine Kopie dieses Bildes als Erinnerung an Ihr Bistum mit auf dem Weg geben und Sie bitten, dass wir so auch weiter im Gebet verbunden bleiben“, so Magin. Er richtete sich an den emeritierten Bischof: „Das Bistum Speyer ist und bleibt für Sie ein Stück Heimat.“

 

Speyer, Verabschiedung Bischof Karl-Heinz Wiesemann, beim Auszug gab es bis in die Sakristei Applaus